Eine Schule fast ganz ohne Ritalin
Jedes vierte Kind an der Schule für Offenes Lernen in Liestal hat ein diagnostiziertes Aufmerksamkeitsdefizit. Die meisten kommen ohne Psychopharmaka aus, seit sie dort Schüler sind.
Die SOL befindet sich auf einem ehemaligen Fabrikgelände am südlichen Ortsrand von Liestal, zwischen dem Flüsschen Frenke und der Waldenburgerbahn. Früher wurde hier Lingerie für die Luxusmarke Hanro hergestellt. Seit vor 15 Jahren die Privatschule SOL gegründet wurde, hat sich der Fokus verschoben – von feinem Tuch auf der Haut zu inneren Werten. Bei den heute rund 80 Schülern erfüllt rund ein Viertel die gängigen Diagnosekriterien für ADHS. Bevor sie an die SOL gekommen sind, haben die meisten von ihnen Psychostimulanzien wie Ritalin genommen. Mit dem Schuleintritt sind sie ermuntert worden, das Medikament abzusetzen – was sie fast immer auch tun, oft für immer. «Das funktioniert in aller Regel sehr gut», sagt Held.
Im vergangenen Februar sorgte die Kritik des UNO-Kinderrechtsausschusses an der Schweiz für Aufmerksamkeit. Es werde hierzulande zu viel ADHS diagnostiziert und zu häufig würden Psychopharmaka verschrieben, hiess der Vorwurf. An der SOL sorgt dies für grosse Genugtuung: Endlich äussert sich eine gewichtige Institution mit klaren Worten gegen die offizielle Linie von Bund und der Mehrheit der Ärzteschaft.
Erst letzten Herbst hatte der Bundesrat Entwarnung gegeben. Mit der Veröffentlichung eines Expertenberichts zum Thema liess er verlautbaren, dass die medizinische Betreuung von ADHS-Betroffenen in der Schweiz angemessen sei und kein Handlungsbedarf bestehe.
Unter den Lehrern an der SOL sorgt diese Aussage für Kopfschütteln. «Ritalin ist nicht grundsätzlich schlecht, doch in den allermeisten Fällen brauchen betroffene Kinder keines», ist Ruth Oechsli aufgrund der Erfahrungen an der SOL überzeugt. Die ehemalige Psychotherapeutin hat die Privatschule zusammen mit Matthias Held und Bernhard Bonjour vor 15 Jahren gegründet. «Ich musste feststellen, dass es keinen Sinn hat, verhaltensauffällige Kinder isoliert zu behandeln, die Schule und die Eltern müssen intensiv einbezogen werden», beschreibt sie ihre Beweggründe.
Wenn neue Kinder an der SOL die ADHS-Medikamente absetzen, sinkt ihre Schulleistung für ein paar Monate. Doch dann seien die meisten wieder mindestens so gut wie unter Medikamenten, versichert Oechsli. «Wir helfen den Kindern, Strategien zu entwickeln, wie sie mit ihrer Unruhe und der fehlenden Konzentration im Alltag umgehen können.» Etwa kurz rauszugehen, um ein Glas Wasser zu trinken, oder die Lehrperson um Unterstützung anzufragen, ohne gleich den ganzen Unterricht zu stören. «Kindern, die schon länger Ritalin nehmen, fällt dies oft besonders schwer, weil sie gar nie die Möglichkeit hatten, solche Taktiken zu entwickeln», so Oechsli. Durch Wertschätzung und das Anerkennen der Stärken eines Kindes könne in den meisten Fällen eine weitgehende Beruhigung der Situation erreicht werden.
Oechsli ist bestürzt über den Umgang gewisser Ärzte mit Psychopharmaka. Bei manchen genüge ein Telefonanruf der Eltern, dass es an der Schule nicht mehr gut laufe, und schon werde die Dosis erhöht.
Eines der SOL-Kinder musste früher als Zehnjähriger täglich drei Psychopharmaka einnehmen, um zu funktionieren: am Morgen Ritalin, am Mittag ein Antidepressivum, am Abend ein Schlafmittel. «Seit das Kind bei uns ist, braucht es keine Medikamente mehr», so Oechsli.
Erfolgreiche «Kuschelpädagogik»
Jon, 13, mit Hipsterbrille und Kapuzenpulli; Florian, 16, im blauen T-Shirt und mit Strickjacke: Stolz führen die beiden Achtklässler durch ihre Schule. Beide haben sich an der Regelschule nicht wohlgefühlt und sind froh, an der SOL zu sein. Im ersten Stock des ehemaligen Fabrikgebäudes befinden sich die hohen Unterrichtszimmer der Unter- und der Mittelstufe, im zweiten die der Oberstufe. Zusätzlich hat es Räume für selbstständiges Arbeiten mit Betreuung, eine Werkstatt (das «Tüftellabor» im Untergeschoss), einen Musik- und Versammlungsraum, einen Esssaal und extern eine Turnhalle. Die Klassen sind altersdurchmischt und bestehen im Durchschnitt aus zwölf Schülerinnen und Schülern. Es gibt einen Stundenplan, normale Schulfächer.
Doch jedes Kind hat einen eigenen angepassten Wochenplan, mit Aufgaben, die es möglichst selbstständig erledigen soll. Auf diese Weise können die Schüler in ihrem eigenen Tempo und nach den eigenen Möglichkeiten lernen. Dabei werden sie nicht benotet. Stattdessen finden jedes Jahr ausgiebige Standortgespräche mit den Kindern und den Eltern zu Fortschritten, Stärken und Schwächen statt.
Das Konzept der SOL ist das, was im bildungspolitischen Schlagabtausch oft als «Kuschelpädagogik» bezeichnet wird. Dass die Gegner solcher reformpädagogischer Schulformen aus dem rechten politischen Spektrum sich gleichzeitig als hartnäckige Kritiker von Psychopharmaka für ADHS-Kinder hervortun, ist für die Lehrer an der SOL belustigend und verwirrend zugleich.
«Ich weiss nicht, was sich diese Leute überlegen», sagt Oechsli. «Mit einer auf Disziplin und Leistung eingeengten Schule, wie sie zurzeit propagiert wird, lassen sich die Probleme verhaltensorigineller Kinder bestimmt nicht lösen, im Gegenteil.»
Offenbar funktioniert das Konzept der Schule für Offenes Lernen. Wenn die Kinder nach dem neunten Schuljahr die Schule verliessen, fänden sie ohne Mühe Anschluss in der Berufswelt oder am Gymnasium, sagt Held.
Der Übergang klappe vergleichbar gut wie bei Kindern aus Regelschulen. Das anerkennt auch der Kanton Baselland. Er zahlt für die Schüler, die an die SOL kommen, wenn die Regelschulen mit ihnen überfordert sind. «Der Kanton hat offensichtlich gemerkt, dass sein Angebot für eine beträchtliche Zahl der Kinder nicht ausreicht», sagt Held. Bei den anderen Kindern müssen die Eltern zahlen: je nach Einkommen zwischen 0 und 2500 Franken pro Monat.
Guter Draht zu den Eltern
Vom Umfeld an der Schule im Baselbiet profitieren nicht nur ADHS-Betroffene. Dort finden sich auch «normale» Kinder, deren Eltern das Unterrichtskonzept gut finden. Und solche, die sich aus anderen Gründen nicht wohlfühlten an der Regelschule. Etwa Hochbegabte oder Kinder mit einem Asperger-Syndrom. Das alles ist mit grossem Aufwand verbunden.
Doch gemäss Held arbeiten an der SOL nicht mehr Lehrpersonen pro Schüler als an Regelschulen. «Wir sind einfach anders organisiert», sagt Held.
Anstelle von Klassen mit bis zu 26 Schülern und zusätzlicher Betreuung für schwierige Fälle und Begabte ermöglichen kleinere Klassen eine intensivere Betreuung für alle. «Wir wollen keine speziellen Förder- und Unterstützungslektionen für einzelne Schüler», so Held. Das sei nicht die von offizieller Seite angestrebte Integration, sondern führe im Gegenteil zu zusätzlicher Selektion.
Doch auch die Lehrer an der SOL scheitern manchmal. «Das passiert vor allem, wenn die Eltern nicht mitziehen und wir Probleme mit Gesprächen nicht überwinden können», sagt Held.
Dann müssen die Kinder die Schule wieder verlassen. Das passiert allerdings nicht sehr häufig, denn ein guter Draht zu den Eltern ist die wichtigste Voraussetzung, damit ein Kind überhaupt an der SOL aufgenommen wird. «Wenn wir in den Vorgesprächen merken, dass wir mit den Eltern nicht zusammenarbeiten können, lehnen wir das Kind ab», so Held. Im Jahr würden nur ein bis zwei Kinder abgelehnt. Doch der Schulleiter gibt unumwunden zu:
«Schwierige Fälle, bei denen auch das familiäre Umfeld nicht stimmt, können wir mit unserem Konzept nicht erreichen.»
Dazu auch einen Beitrag vom ZDF

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen